Liebe A.,
Proust ist … na sagen wir mal … gewöhnungsbedürftig. Meine Eingewöhnungsphase dauert noch an, diese Bandwurmsätze bringen mich schier zur Verzweiflung! Gestern im Bus knabberte ich zehn Minuten an einer Seite herum, während mein Lesepartner zur Rechten drei Seiten in der gleichen Zeit durchschmökerte. Zu meiner Entschuldigung muss ich anführen, dass es sich bei seiner Lektüre nicht um Proust, sondern um Dan Brown handelte. Dennoch ärgerte es mich innerlich: Was nehme ich impertinentes Stück mir auch so einen bildungsprotzigen Schmöker als Buslektüre vor?
Bei Proust geht es mir so: Ich fange einen Satz an und denke erleichert: ah, ja, ich verstehe genau, worum es geht, dann denke ich, frohen Mutes weiterlesend: oh, hm, ja, ich glaube, ich verstehe immer noch so einigermaßen, worum es geht und ich lese weiter, und grabe mich aufmerksam, den Beginn des Satzes noch sehr lebendig vor Augen habend, durch die halbseitig gesponnene Satzkonstruktion, durch Nebensatz und Nebensatz vom Nebensatz, nebst schwurbeligen Klammereinschüben und detailiert aufgezeigten Gefühlsmanierismen, es folgt der Punkt, ich schrecke hoch, ich frage mich stutzig: Worum ging es denn jetzt nochmal eigentlich? Verdammt, ich bin doch nicht blöd! Ich weiß doch genau, dass ich am Anfang noch genau wusste, worum es geht! An welcher Stelle habe ich den Faden verloren? Und ich lese den Satz erneut und zur Sicherheit nochmal.
Mir passiert es sogar, dass ich mir den Proust innerlich “laut” vorlese, um in die Sprachmelodie, in den Duktus des Autors und der Atmosphäre der Geschichte zu gelangen. Gestern meinte ich zu M., es mutet seltsam an, dass man solch komplexe Satzkonstruktionen gar nicht mehr gewöhnt zu sein scheint. Überall findet man nur noch Kurzes vor. In der Zeitung. In Kolumnen. Im Netz. Da herrscht der Punkt. Schnörkellose Sprache. Geschrieben wie gesagt. Rasch zu lesen. Einfache Sätze. Kryptisch. Schnell konsumierbare Leseware. Man hat sich heutzutage lesend nicht mehr anzustrengen!
Die Sprachmelodie von Proust ist sehr eigen, ebenso wie die Art und Weise, seine Beobachtungen in eine recht eigentümliche Sprache zu kleiden, die aus heutiger Perspektive fremd erscheint, zugleich aber auch etwas absolut genialisches hat. Momentan komme ich mir vor, wie eine Art Außenstehender, der mit großem Engagement in das Proustsche Lesegeheimnis, in den auserwählten Zirkel der Proust-Freunde eintauchen möchte, dem es aber nicht so recht gelingen mag. Das ärgert mich, spornt mich zugleich aber an, mich sehr zu bemühen! Letzteres widerum fällt mir nicht schwer, da man es ja schließlich mit großer Literatur zu tun hat, deren Lesen zweifelsohne die Mühe wert ist.
So hoffe ich, dass meine Bemühungen doch noch ein gutes Ende nehmen und ich mich in die Proust-Fangemeinde einreihen kann. Ab Seite 25 habe ich zumindest den Eindruck, dass ich das Buch mitsamt seinem Autor und seinen bis in die kleinste Gefühlsregung hinein skizzierten Protagonisten so langsam in den Griff bekomme. Um es kurz zu machen: Ich will in den erlauchten Proust-Zirkel – und wo ein Wille, da ein Weg.
Herzliche Grüße
U.