Ute Hamelmann

Tagesbütt

Ach, wie gut, dass niemand weiß,
dass ich den Verlag bescheiß’.
Selbst die von Spiegel Online finden,
warum groß das Hirn zerschinden?
Nun gönnt Helenchen doch den Ruhm,
was ist schon geistiges Eigentum?
Nun, sagt die Helene heute,
so machen das die jungen Leute.
Sie hat’s studiert und zwar genau:
Steuerung C, dann Steuerung V.
Das ist genial, ganz zweifelsohne,
bejubeln auch die Feuilletone!
Das ist der Zeitgeist, sagt Helene,
wer berühmt sein will, der stehle!
Ich sag’s voll Scham und unverhohlen,
das hier ist leider nicht gestohlen.

ARGH!

ich könnt mich den ganzen Tag nur aufregen, tue das aber im Verborgenen, also hier.

Blogs

Ach PS: ich war kurz davor, mir diesen viel gelobten Helene Hegemann Roman “Axolotl Roadkill” zu kaufen. Nicht etwa, weil es meine favorisierte Art von Literatur ist, aber es klang interessant, neu und abgefahren und anders. Dann las ich heute vom Plagiatsvorwurf, der mich wenig überraschte: blutjunges Girlie, mit Zottelhaar, Theaterhintergrund und interessanter Bio (Ich sagte neulich zu M.: “Die Hegemann scheint aber auch eine ziemlich kaputte Existenz zu sein.” M. sagte daraufhin: “Biographie mit Brüchen heißt das heutzutage.”) schreibt einen Coming-Of-Age-Roman, zufällig alles in Berlin, zufällig von deutschen Feuilleton zum Sinnbild der Nuller Jahre stilisiert – ein Schelm, der darob vermutet, es handle sich um einen neuen PR-Gag der Literaturbranche. Jedenfalls schmökerte ich kurze Zeit später im Strobo-Blog ihres angeblichen Vorlagelieferanten namens Airen und dachte mir nach zehn passabel aber nicht überragend geschriebenen Beiträgen eines sozialgestörten Vollmanikers, der sich Berliner Technoclubs vollgekokst schwanzlastige Nächte um die Ohren schlägt – ach nein, das Buch muss man nicht gelesen haben – wie praktisch doch Blogs sein können.
Liebe Grüße
Schnuti

Ach PS: ich war kurz davor, mir diesen viel gelobten Helene Hegemann Roman “Axolotl Roadkill” zu kaufen. Nicht etwa, weil es meine favorisierte Art von Literatur ist, aber es klang interessant, neu und anders. Dann las ich heute in der FAZ vom Plagiatsvorwurf, der mich – ehrlich gesagt – wenig überraschte: blutjunges Girlie mit Zottelhaar, Theaterhintergrund und interessanter Bio (Ich neulich zu M.: “Die Hegemann scheint aber auch eine ziemlich kaputte Existenz zu sein.” M. daraufhin: “Biographie mit Brüchen heißt das heutzutage.”) schreibt einen Coming-Of-Age-Roman, zufällig spielt alles in Berlin, Helenchens Werk wird – in ähnlich komentenhafter Weise wie Charlöttchens Feuchtgebietsergüsse – stante pedes vom deutschen Feuilleton zum Sinnbild-Roman der Nuller Jahre hochgejubelt und verkauft sich bombig –  ein Schelm, der darob vermutet, es handle sich um einen gut inszenierten PR-Gag.

Jedenfalls schmökerte ich kurze Zeit später im Strobo-Blog ihres augenscheinlichen Vorlagelieferanten namens Airen und dachte mir nach zehn ganz passablen, aber nicht überragenden Beiträgen eines sozialgestörten Vollmanikers, der sich in angesagten Berliner Technoclubs vollgekokst arg schwanzlastige Nächte um die Ohren schlägt – ach nein, moderne Berliner Coming-Of-Age-Romane sind nichts mehr für mich – wie praktisch doch diese …äh… Blogs sein können.

Liebe Grüße

U.

Konvertiten

Gerade waren E. und M. bei uns. M. arbeitet als oberärztlicher Gynäkologe in einem Krankenhaus in der Region, sehr katholisch. Die Geburtsstation erfreut sich, ob der familiären Atmosphäre, wachsender Beliebtheit.

Neulich kam ein Iraner mit seiner schwangeren Frau in die Sprechstunde. Die Frau des Iraners war vollständig schwarz verhüllt. Selbst ihre Augen waren durch ein engmaschiges schwarzes Stoffgitter vor feindlichen Männerblicken geschützt und an ihren Händen trug sie schwarze Handschuhe. Ich weiß das, weil ich jenes in jeder Hinsicht auffällige Ehepaar ein paar Tage zuvor am Münsteraner Hauptbahnhof gesehen hatte.

Der iranische Ehemann wollte nun, dass seine Frau in dem Krankenhaus gebärt, allerdings unter folgenden Bedingungen: Ausschließlich eine Frau dürfe sie behandeln und das Kind zur Welt bringen, Männer dürften sich seiner Frau nur in drei Metern Abstand nähern und nur, wenn sie verhüllt sei und reden dürfe man auch nicht mit ihr, sondern nur mit ihm. Das Krankenhaus akzeptierte, was hätte es auch anderes tun sollen?

Glücklicherweise fügte es sich so, dass zufällig eine Ärztin Dienst hatte, als das Baby zur Welt kam, denn sonst wäre der Mann mitsamt seiner Frau spontan noch in ein anderes Krankenhaus gefahren. Das Krankenhaus  bemühte sich in den folgenden Tagen nach Kräften, alles zu tun, um diesem streng religiösen Ehepaar in ihnen ihren Riten und Gebräuchen zu entsprechen.

Bei Visiten stellte sich der Prozess folgendermaßen dar: Erst informierte man die Frau über die bevorstehende Visite, dann klopfte man vorsichtig an die Tür, wartete, bis sich die Frau auch wirklich vollständig verhüllt hatte und erst nach kurzem Zuruf, trat die ärztliche Corona ein, um sich nach dem Wohlbefinden von Mutter und Kind zu erkundigen.

Auf die obligatorische Frage eines Oberarztes, wie es ihr und dem Baby ginge, gab es verständlicher Weise keine Antwort, der Mann war ja nicht anwesend. Als sich das medizinische Personal schon mehr oder minder schulterzuckend der  Tür zuwendete, rief die Frau plötzlich in reinstem Ruhrpottdeutsch:

“Dat Balg säuft wie’n Lattenseger und hat grad eben son’ Ömmes von Kackschiss gemacht!”

Wolfgang Schäuble sagte einmal “Konvertiten sind die Schlimmsten” . Der Mann hat recht.

Mad Men

In Fernsehserien geht es einem so: Je mehr man über die Menschen weiß, desto mehr will man von ihnen erfahren. Im richtigen Leben ist es meist genau umgekehrt.

Gehhilfe

Momentan verhält es sich mit dem Söhnchen wie mit einem kleinen Mini-Diktator, was – zu seiner Entschuldigung –  daran liegt, dass er von den Großeltern ganz schrecklich verwöhnt wird.

Am Liebsten will er auf den Arm und er quengelt so lange herum und schaut einen von unten flehentlich an, bis er endlich irgendeinen Dummen gefunden hat, der ihn hoch hebt. Darauf sollte man sich allerdings nichts einbilden, das  kann auch der Postbote sein.

Sitzt er schließlich triumphierend auf seinem humanoiden Vehikel, zeigt er in alle möglichen Richtungen und ruft entzückt: “Da!” “Da!” “Da!” Man balanciert as zwölf Kilo Kerlchen dann folgsam durch die Wohnung, zum Bücherregal, zur Stereoanalge, zum Lichtschalter, zur Lampe, zur Bonifatiusminiatur, zur Espressomaschine und sage Dinge wie: “Lampe! Lampe! Lampe!” und “Espressomaschine! Espressomaschine! Espressomaschine!” und “Kokoschka!” “Kokoschka!” “Kokoschka!” und “Totentanz!” “Totentanz!” “Totentanz!”

Schließlich setzte ich das Söhnchen auf sein Rollauto, massiere mir den Rücken und frage M.: “Sag mal, hat man dafür studiert, dass man nun hauptberuflich als menschliche Sänfte und Gehhilfe arbeitet?”  M. antwortet: “Na ja, dafür hast ja nicht so intensiv studiert…”

DJs

In Großstädten haben Clubs coole Namen wie “Bang Bang Club” und “Kiki Blofeld” und “ICON” und “K17″, “18″, “19″ und so weiter und DJs haben auch coole Namen wie “DJ Eat Lipstick”, “DJ Techno Phlegm”, “DJ Voidwalker”, “DJ Smally Fat”, “DJ Lunatic Bitchslap” und so weiter. Bei uns im Dörfchen legt am Donnerstag “DJ Gilla” im “Fez” auf. Großstädter, eure Hipness ist längst kein Privileg mehr, denkt euch was Neues aus!

O-Ton-Mafia

Die Stadt Ladbergen hat ein Problem! Herrenschlüpfer verstopfen die Pumpen des Klärwerks und das schon mehrfach. Es scheint sich um einen Serienherrenschlüpferpumpenverstopfer zu handeln. Das ruft natürlich die WDR-Sendung “Lokalzeit Münsterland” auf den Plan. Und natürlich gibt es wieder jede Menge O-Töne. O-Töne sind immer sehr wichtig, wenn es um Lokalskandälchen wie die Ladbergener Schlüpferaffäre geht. O-Töne sind überhaupt immer sehr wichtig, wenn es um irgendetwas im Fernsehen geht.

Da sagen dann empörte Bürger Dinge wie: “Ich wüsste nicht, wer sowas tut. Ich wüsste nicht, wer sowas trägt.” Und bevor der Zuschauer noch denken kann: “Hä? Schlüpfer tragen doch alle?” wird er schon mit dem nächstblöden O-Ton bombardiert: “Nein, ich kenne keinen, der das tut. Was hat der denn davon?” Und bevor man wieder denken kann, kommt schon der nächstdepperte O-Ton eines dieser auf dem Supermarktparkplatz vor die Kamera gezerrten Bürger-Korrespondenten:  ”Ich stelle mir vor, was wäre, wenn der Täter so ein Namensschild in seine Unterhosen genäht hat, gibt’s ja, dass man Namensschilder in seine Unterhosen näht.” Nun ja…

Ich muss jetzt mal was sagen, zu dieser O-Ton-Mafia, von der behauptet wird, so etwas wie “Meinung” zu repräsentieren, “Volkes Stimme”, “Vox Populi”, “Der kleine Mann von der Straße”. Man sollte sie verfolgen und einsperren. Ich halte diese verbalen Anschläge auf den Volksintellekt wirklich für gemeingefährlich.

Sehnsucht 4

Man wirft uns Frauen ja gemeinhin vor, wir wüssten nicht was wir wollen, wir würden uns unklar ausdrücken und seinen nicht entschlussfreudig. Das gilt nicht für alle, wie ich gestern im Bus auf dem Weg zur Arbeit einer Kleinanzeige in der Zeitschrift “na dann…” entnahm:

“Christ.-konservative Frau 30J. su. einen Mann f. das gemeinsame Leben (Juristen od. Arzt) nur m. Bild!”

Das nenne ich mal eine klare Ansage.

Geben

U:  Ach menno, Katz und Goldt sind sooo gut!!!

M: Du bist doch auch voll supi!

U: Hm… na ja, okay, Dankeschön!

M: Fünf Euro!

Wanted

Ich bin mir sicher, bei uns im Dörfchen ist etwas im Schwange. Immer wenn ich das Haus verlasse, treffe ich auf die Polizei! Polizeiwagen fahren Streife  und eben kreiste sogar ein Polizeihubschrauber über mir! Ich bin jedenfalls gewarnt! Vielleicht sind ja mal wieder irgendwo Einbrecher ausgebrochen, also gewissermaßen einbrechende Ausbrecher unterwegs.  Aufgeregt habe ich M. von den Vorfällen berichtet und gesagt, er solle auf der Hut sein: ”Gestern Abend dachte ich erst, die von der Polizei seien wegen des Glatteises unterwegs, aber das ist ja quatsch.  Die suchen bestimmt jemanden!” M. lacht: “Ja klar, Väterchen Frost!”

Knallkopp

Heute ist großer Aufräumtag! Erst wurde der Kleiderschrank des Söhnchens ausgemistet, dann der Schrank der Mutter, also meiner. Ich sortiere stets wie folgt: Erst werfe ich alles auf einen großen Haufen, danach bilde ich Motto-Häufchen, die ich dann in große Säcke packe und schließlich mit dem Auto durch die Gegend kutschiere und anderen Familien vor die Haustür stelle. Ein Häufchen für meinen Bruder und seine Frau, ein Häufchen für meine Eltern, ein Häufchen für die Schwiegereltern. So haben alle was davon! Eigentlich ist es auch kein richtiges Aufräumen, sondern mehr ein Umverteilen. Ganz im Sinne des Hamelmannschen Nachhaltigkeitsmanagements.

Umverteilen ist wirklich eine tolle Sache. Mit Sorgen sollte man in ähnlicher Weise verfahren:  Alte und aufgetragene Sorgen einsammeln, in einen großen Sack packen und anderen vor die Tür stellen. Mit  Sorgen ist es im Grunde wie mit Sachen, man selber will sie los werden, andere können sie möglicherweise gut gebrauchen! So ein Sorgenrecycling ist eine feine, weil umweltschonende Angelegenheit.

Nachdem ich meine Umverteilungstour beendet hatte, räumte ich noch ein paar leere Tüten aus dem Flur. Aus einer fischte ich einen Einkaufszettel, auf dem folgendes stand:

- Baubecher

- Tier-Gloeckchen

- Holzclown Knallkopp

- Tankloeschfahrzeug

- John Deere 7530

- Feuerwehr

- Propellerflugzeug

Ich erschrak für einen kurzen Moment, wer aus der Familie hatte diese Großmaschinen besorgt und warum? Schließlich fiel es mir wieder ein: Aber natürlich! Das Söhnchen wollte ja sein Zimmer umgestalten, da braucht es solch schwere Maschinen und versiertes Arbeitspersonal wie den Knallkopp. 4,95 Euro kostet der nur! Ich sollte mir auch so einen Knallkopp anschaffen, schaden kann es zumindest nicht.

Stöckelschuhräuber

Gerade besuchte uns ein ehemaliger Mitreferendar von M.. Wir aßen ein scharfes Ingwer-Karottensüppchen und T. erzählte, er sei letztens mit seinen Schülern der “Rechts AG” (hört, hört) in einem Gerichtsprozess gewesen. Ob wir schon von dem Troisdorfer Stöckelschuhräuber gehört hätten? Hatten wir nicht! Bei dem Stöckelschuhräuber handelt es sich weder um einen professionellen Stöckelschuhklauer noch um einen Räuber in Stöckelschuhen, sondern um einen Räuber, der Frauen beim Laufen ihrer Stöckelschuhe beraubt!

Als wir verdutzt fragten, wie das denn ginge, erläuterte T., dass der Räuber die Frauen von hinten anrempelt, um sich dann die Stöckelschuhe unter den Nagel zu reißen. Sieben Frauen habe er auf diese Weise ihr Schuhwerk entrissen. Das erinnerte mich ein bisschen an die Hell’s Grannies bei Monty Python. T. schilderte weiter, der Stöckelschuhräuber führe eine recht trostlose Existenz und sei somit ein ideales Anschauungsobjekt für die Schüler. Am Freitag stünde schon der nächste Gerichtstermin an!

Jedenfalls hockt der Stöckelschuhräuber jetzt schon seit September in U-Haft, was wir unisono ein wenig bedauerlich fanden. Geht man davon aus, dass der Stöckelschuhräuber die Damen vor grob gesundheitsschädlichen Fussverstümmelungen wie die Reiterzehe und Schiefzehe bewahrt hat,  ganz abgesehen von den vielen Sach- und Personenschäden, die durch Stöckelschuhe immer wieder verursacht werden, so hat er den Frauen, ja der Gesellschaft einen großen Dienst erwiesen.  Schüler – insbesondere die, die Jura zu studieren gedenken –  merkt euch dies: Die kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen!

Gemeindekalender

Wie in jedem Jahr, haben wir uns auch in diesem Jahr einen Gemeindekalender organisiert. In ihm stehen alle Termine, die in unserem Dörfchen und den an unser Dörfchen angeschlossenen Dörfchen stattfinden. Im Unterschied zu den vorherigen Jahren, wollen wir den Gemeindekalender in diesem Jahr erstmalig aufhängen (mit zwei kupfergoldenen Nägeln!). Ein erster Schritt, um unsere Ernsthaftigkeit im Bemühen  Erwachsen zu werden – d.h. an Erwachsenenterminen zu partizipieren, beziehungsweise zu wissen, wann Erwachsenentermine gewesen wären, an denen man hätte partizipieren können – auch visuell zu manifestieren.

Ich blättere den Gemeindekalender auf und pfeife leise, erstaunt darüber, was  in unserer Gemeinde alles so los ist. Montag, 19:00 Übungsschießen in der Steverhalle, daneben Blutspenden, Englisch, Duft-Quigong und Yoga. ”M. schau mal! Das wäre doch was für dich!”, rufe ich schließlich, “Dienstag 9:30 Uhr “Lebendige Bibel” im Pfarrheim.”

M. kommt in mein Büro geschlurft und grinst: “Wow, ich spiele Onan!”

Zweisamkeit

Lehne mich erschöpft an M., umarme ihn und stütze mein müdes Haupt auf seine Brust. “Ein Jahr nach der Geburt von Little H. fände ich so ein bisschen mehr Zweisamkeit und normale Partnerschaft ja schon mal wieder gut. Dass man nicht ständig so ein kleines Zwerglein um sich hat, das um die Ecke guckt und ständig zu rufen scheint:

Hallo! Kiekuck! Blink! Blink! Klimper! Klimper! Ich bin hier! Hier bin ich! Guckt doch mal! Guckt mal, wie süß ich euch wieder angucke! Kann man diesen süßen hellblauen Superaugen überhaupt widerstehen? Na seht ihr, klappt doch! Ja! Tollt mit mir! Kitzelt mich durch! Streichelt mir die Haare! Macht Brrrrr auf meinem Bauch! Hebt mich hoch! Knutscht mir meine knuddelweichen Wangen ab!  Zeigt mir was! Oh! Ich hab Hunger! Ich hab Durst! Mir ist langweilig! Ich bin müde! Ich will Banane! Ich will sofort Banane! Mampf! Äh! Äh! Äh! Quengel! Da! Ich will noch mehr Banane!  Hallo! Guckkuck! Nein! Nicht auf den Boden! Auf den Arm will ich! Sofort! Ja! Gut! Tolle Mama! Supertopcheckerin! Was will sie jetzt ? Schmusen? Igitt! Stoß weg! Nein! Da! Da! Da! Da will ich hin! Ach, nein doch nicht! Schränke gucken! Todlangweilig! Was für Babys! Da! Da! Da! Will ich hin. Fenster gucken! Le dernier cri! Buäääääh! Ich will aber da raus gucken! Rums! Aua! Das war das Fenster! Scheiß Fenster! Was muss das Fenster auch da sein, wo ich meinen Kopf habe? Buääääääh! Buäääääääh! Luffer vorsichtig. Da geht noch was! Wo wir schon mal dabei sind, leg’ ich noch einen drauf: Buuuuuuääääääääh! Ja! Mama! Genau! Schnell zur Stereoanlage! Klick! Klick! Kicher! Dreh! Tata! Lach! Boah ist das laut! And here’s to you, Mrs. Robinson, Jesus loves you more than you will know (Wo, wo, wo)! Yeah! Was? Mama??? Wieso hast du? Buäääääh! Ich will aber Stereoanlage! Ich will ab… Wo ist eigentl… Papa!!!! Äh! Äh! Äh! Quengel! Dräng! Werf! Ja, du bist der liebste Papa von der Welt!  Du bist Mondzahl lieber als die dumme Mama! Ich will nur zu dir auf den Arm! Und jetzt gehen wir wieder zur Stereoanlage, ja? Weltallerliebstersuperpapa! Was? Bei dir darf ich auch nicht? Habt ihr euch etwa abgesprochen? Ihr arschgemeinen Sausäcke! Buääääh! Ich will wieder zu meiner Mama! Superdoofpapa! Geschafft! Du bist die liebste Mama von allen! Nein, aber schmusen will ich immer noch nicht mit dir! Und jetzt bitte her mit der Fernbedienung! Nein! Werf! Zonk! Die doch nicht! Die andere! Die vom DVD-Rekor… Nein? Was? Was? Äh? Hilfe! Strampel! Buäääh! Doch nicht ins Bett! Hilfe! Hilfe! Hört mich denn keiner? Strampel!  Hier geschieht unrecht! Hilfe! Ich bin nicht müde! Buääääh! Guckt mal, ich habe noch sooooo große Augen! Dreh! Wälz! Hallo? Ich habe gesagt, ich will nicht ins Bett! Ich bin doch schon erwachsen! Schlafen ist was für Babys! Hallo! Hallo! Hallo! Hier ist es plötzlich so dunkel! Buäääääh! Licht! Mehr Licht!”

M. küsst mich lachend auf die Stirn:  ”Ich habe eine Idee, wir geben ihm einfach fünf Euro und sagen ihm, Mama und Papa brauchen Ruhe, geh’ ins Konzert!”

Morgengespräche

U: “Ah, endlich habe ich meine Figur wieder!”

M: “Nur zur Erinnerung, sie liegt zwischen Scheitel und Fußsohle!”

Proust

Liebe A.,

Proust ist … na sagen wir mal … gewöhnungsbedürftig. Meine Eingewöhnungsphase dauert noch an, diese Bandwurmsätze bringen mich schier zur Verzweiflung! Gestern im Bus knabberte ich zehn Minuten an einer Seite herum, während mein Lesepartner zur Rechten drei Seiten in der gleichen Zeit durchschmökerte. Zu meiner Entschuldigung muss ich anführen, dass es sich bei seiner Lektüre nicht um Proust, sondern um Dan Brown handelte. Dennoch ärgerte es mich innerlich: Was nehme ich impertinentes Stück mir auch so einen bildungsprotzigen Schmöker als Buslektüre vor?

Bei Proust geht es mir so: Ich fange einen Satz an und denke erleichert: ah, ja, ich verstehe genau, worum es geht, dann denke ich, frohen Mutes weiterlesend: oh, hm, ja, ich glaube, ich verstehe immer noch so einigermaßen, worum es geht und ich lese weiter, und grabe mich aufmerksam, den Beginn des Satzes noch sehr lebendig vor Augen habend, durch die halbseitig gesponnene Satzkonstruktion, durch Nebensatz und Nebensatz vom Nebensatz, nebst schwurbeligen Klammereinschüben und detailiert aufgezeigten Gefühlsmanierismen, es folgt der Punkt, ich schrecke hoch, ich frage mich stutzig: Worum ging es denn jetzt nochmal eigentlich? Verdammt, ich bin doch nicht blöd! Ich weiß doch genau, dass ich am Anfang noch genau wusste, worum es geht! An welcher Stelle habe ich den Faden verloren? Und ich lese den Satz erneut und zur Sicherheit nochmal.

Mir passiert es sogar, dass ich mir den Proust innerlich “laut” vorlese, um in die Sprachmelodie, in den Duktus des Autors und der Atmosphäre der Geschichte zu gelangen. Gestern meinte ich zu M., es mutet seltsam an, dass man solch komplexe Satzkonstruktionen gar nicht mehr gewöhnt zu sein scheint. Überall findet man nur noch Kurzes vor. In der Zeitung. In Kolumnen. Im Netz. Da herrscht der Punkt. Schnörkellose Sprache. Geschrieben wie gesagt. Rasch zu lesen. Einfache Sätze. Kryptisch. Schnell konsumierbare Leseware. Man hat sich heutzutage lesend nicht mehr anzustrengen!

Die Sprachmelodie von Proust ist sehr eigen, ebenso wie die Art und Weise, seine Beobachtungen in eine recht eigentümliche Sprache zu kleiden, die aus heutiger Perspektive fremd erscheint, zugleich aber auch etwas absolut genialisches hat. Momentan komme ich mir vor, wie eine Art Außenstehender, der mit großem Engagement in das Proustsche Lesegeheimnis, in den auserwählten Zirkel der Proust-Freunde eintauchen möchte, dem es aber nicht so recht gelingen mag. Das ärgert mich, spornt mich zugleich aber an, mich sehr zu bemühen! Letzteres widerum fällt mir nicht schwer, da man es ja schließlich mit großer Literatur zu tun hat, deren Lesen zweifelsohne die Mühe wert ist.

So hoffe ich, dass meine Bemühungen doch noch ein gutes Ende nehmen und ich mich in die Proust-Fangemeinde einreihen kann. Ab Seite 25 habe ich zumindest den Eindruck, dass ich das Buch mitsamt seinem Autor und seinen bis in die kleinste Gefühlsregung hinein skizzierten Protagonisten so langsam in den Griff bekomme. Um es kurz zu machen: Ich will in den erlauchten Proust-Zirkel – und wo ein Wille, da ein Weg.

Herzliche Grüße

U.

Zwischenruf

“Averna schmeckt auch aus Sambucca-Gläsern!”

averna

Camus

Meine Rückenbeschwerden wandeln sich langsam in eine Neurose. Habe gerade versehentlich gelesen: “Lieber aufrecht sterben, als aus den Knien heben.” Dabei heißt das Zitat von Albert Camus richtig: “Lieber aufrecht sterben, als auf Knien leben.” Aber im Grunde kommt es mit Kleinkind ja auf das Gleiche raus…

Chiropraktiker

Mein Chiropraktiker hat mir ein paar Tipps zur Entlastung meines Rückens gegeben: Dass man aus Knien heben soll und dass man sich beim Herunterbeugen abstützen und Hilfsmittel, wie die Hand, benutzen soll. “Ich soll jetzt alles mit der Hand machen”, sage ich zu M.. “Alles?”, fragt M. vorsichtig. “Ja! Alles, wegen des Rückens, weißt du…”